Die Kurzzeitbeziehung

Festgebunden oder Einsam?

Es gibt diese Menschen, die irgendwann in der Pubertät einen Partner finden und fortan glücklich mit ihm ihr Leben verbringen, ohne je einen Blick zu Seite zu wagen, ohne sich eingeengt zu fühlen. Und es gibt Menschen, die Zeitlebens kein Interesse an einer Partnerschaft zeigen und glücklich damit sind, ihre Freiheit zu haben. Beide Arten von Menschen sind allerdings sehr selten.

Dafür gibt es noch eine ganze Zahl von Menschen, die nur die beiden folgenden Zustände kennen: Alleinstehend mit einer schrecklichen Sehnsucht nach der erstbesten Beziehung oder eingeengt und eingesperrt in einer Beziehung mit dem großen Wunsch, endlich wieder frei zu sein. Zumindest in Ansätzen haben die meisten Menschen diese beiden Erfahrungen bereits irgendwie gemacht.

Eigentlich ist das ja absurd und man möchte meinen, es sollte doch möglich sein, Nähe zu erleben, ohne sich binden zu müssen. Wie wäre es mit einer Beziehung ohne Bindung - Weder alleine, noch eingeengt.

Kurzzeitbeziehung als Ausweg?

Welche Vorteile würde eine Kurzzeitbeziehung bieten?
Der wichtigste Vorteil besteht wohl darin, dass man sich mit der "geliebten" Person nicht weiter auseinander setzen muss, sondern für den Moment die Zärtlichkeit bzw. "puren Sex" genießen genießen kann. Ferner bedeutet eine Kurzzeitbeziehung die Loslösung von eventuellen Verpflichtungen, weitere Zeit oder Geld zu investieren, wenn die Erotik vielleicht nicht mehr in dem selben Maße gegeben ist (vorausgesetzt, die Verhütung ist gut organisiert und es besteht Einigkeit über die Form der Beziehung).
Aber gibt es Sex ohne Beziehung? gibt es Beziehung ohne Auseinandersetzung mit dem Gegenüber?
Ich erinnere mich an Erfahrungsberichte von Personen, die in klarer Absprache mit dem "Kurzzeit-Intim-Partner" ein intimes Abenteuer begonnen hatten und die dann doch vom Intimpartner nach kurzer Zeit mit Klagen über den Beziehungsabbruch oder die "Untreue" überhäuft wurden, obwohl die Abmachung eindeutig diese Freiheiten mit einbezog.

Die körperliche Vereinigung ist eine der stärksten Ausdrucksformen von Zuneigung, Vertrauen oder Liebe. Durch die intime Begegnung verändert sich eine Beziehung grundlegend. Der ursprüngliche Sinn der körperlichen Vereinigung ist die Zeugung eines gemeinsamen Kindes. Daher erwächst aus dieser Vereinigung eine Starke Verbindung, selbst wenn dieses Kind nicht gezeugt wird. Die beiden Geschlechtspartner sind fortan auf eine gewisse Form von Treue angewiesen. Mit Treue soll hier wie gesagt nicht gemeint sein, auf Lebensdauer keinen anderen Partner mehr anzulachen, sondern vielmehr der Rücksichtsvolle und respektvolle Umgang. Die Verletzlichkeit ist gegenüber (auch ehemaligen) Intimpartnern deutlich größer, als gegenüber anderen Personen.
In vielen Kurzzeitbeziehungen spielen jedoch respektvoller Umgang und die Wahl des Partners nach Kriterien der Vertrauenswürdigkeit oder der gemeinsamen Harmonie eine untergeordnete Rolle. Viele Menschen organisieren daher um diese Kurzzeitbeziehungen herum einige Vermeidungsstrategien gegen die fortgesetzte Beziehung, wie Vermeidung von Adressentausch, frühzeitige Abreise. etc. Bei diesen Vermeidungsstrategien ist offensichtlich, dass sie dem natürlichen Impuls, die Beziehung fortzusetzen zuwiderlaufen. Die vielen Skandalgeschichten über prominente Liebschaften, die die Regenbogenblätter füllen, sind unter Anderem Ausdruck der durch die (unkultivierte oder lieblose) Trennung verursachten Verletzungen.

Aus diesen Gründen sind Menschen, die sich meist nur für kurze Zeit auf Beziehungen einlassen und die viele Intimpartner haben, nur selten glücklicher, als Menschen, die lange währende Intimbeziehungen zu überwiegend jeweils nur einem Partner pflegen.

Ist nun doch die Ehe auf Lebenszeit die einzig wahre Beziehung? Ist die intime Vereinigung automatisch tief, respektvoll, intensiv und liebevoll, wenn sie sich innerhalb einer stabilen Beziehung abspielt?
Wie oft kommen sich auch Eheleute näher, ohne sich in diesem Moment wirklich nahe zu sein. Wie oft will ein Partner dem anderen gutes tun, ohne die Begegnung zu begehren. Wie oft kommt Nähe zustande, weil die körperliche Sehnsucht nach Befriedigung schreit, obwohl die warme Verbindung für den Moment noch lange nicht hergestellt wurde? Die Bedingungen für eine wirklich erotische und liebevolle Begegnung sind in einer lange währenden Beziehung nicht von Vornherein besser, als in einer Kurzzeitbeziehung.
Die intime Begegnung in einer Langzeitbeziehung wird jedoch erleichtert durch das Vertrauen in den Partner. Auch die gesammelte Erfahrung im intimen Umgang, welche den gemeinsamen Rhythmus leichter finden lässt und das Wissen, wie der Partner erreicht und erfreut werden kann ist in einer Kurzzeitbeziehung kaum zu erlangen.

Die Wichtigkeit des Vertrauens in einer Beziehung

Die mangelnde gemeinsame Erfahrung wird in einer Kurzzeitbeziehung manchmal durch den Reiz des Neuen ausgeglichen. Mangelndes Vertrauen vielleicht vorübergehend verdrängt oder durch Alkohol kurzzeitig ausgeblendet werden.
Die verletzenden Erfahrungen, die in langen oder kurzen Beziehungen gesammelt werden, können jedoch die Fähigkeit zu erotischem Erleben nachhaltig beeinträchtigen. Wer mit unguten Erwartungen oder mit nicht aufgearbeiteten Verletzungen aus früheren Beziehungen in eine Situation der Nähe und des "Sich Einlassens" geht, dem fehlt das innere "Ja", welches das unbeschwerte Genießen ermöglicht. Ambivalenz ist einer der größten "Erotik-Räuber". Vertrauen und die Vermeidung von Verletzungen sind daher unabhängig von der Dauer von Beziehungen für die Freude, die aus Beziehungen erwachsen kann sehr bedeutend.

Treue in Kurzzeitbeziehungen

Treue in einer Kurzzeitbeziehung klingt wie ein Widerspruch in unserem klassischen Treue-Verständnis. Treue jedoch, verstanden als der Wille, dem Nächsten gerecht zu werden, fair und liebevoll mit ihm umzugehen, auch nach dem Ende einer Freundschaft, macht auch für eine Kurzzeitbeziehung Sinn. Wie jedoch kann diese Art von Treue gelebt werden. Viele Verletzungen aus Kurzzeitbeziehungen werden ja nicht mit Fleiß zugefügt, sondern entstehen aus Misverständnissen, unterschiedlichen Vorstellungen und mangelndem Wissen über den Kurzzeitpartner.

Im Folgenden will ich gedanklich versuchen, zu beschreiben, wie eine Kurzzeitbeziehung in Vertrauen und Treue (im obigen Sinne) gelebt werden könnte. Diese Beschreibung hat keinerlei Anspruch darauf, dass dies möglich wäre. Das Gedankenmodell ist lediglich eine Anregung, die Anbahnung einer Kurzzeitbeziehung (und auch einer langfristig angelegten Beziehung) aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Treue im Vorfeld der Kurzzeitbeziehung

Die Treue, von der ich spreche, beginnt im Flirt, in der ersten Annäherung mit dem Interesse an den Bedürfnissen des Anderen und dem Bewusstsein für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Es mag nicht den Gepflogenheiten eines One-Night-Stands entsprechen, sich Zeit für die Anbahnung zu nehmen. Viele Annäherungen würden auch sicherlich nicht zustande kommen, wenn sich die Beiden genauer betrachten und mustern. Die auf diese Weise verhinderten Annäherungen sind aber im allgemeinen auch die Begegnungen, die man im Nachhinein lieber gemieden hätte. Eine typische Quelle für Enttäuschungen besteht beispielsweise darin, dass einer der Flirtpartner gebunden ist und seine feste Partnerschaft nicht aufgeben will, während der andere Partner (ob er es sich eingesteht oder nicht) etwas mehr von der Beziehung haben will. Letzterer Partner wird in vielen Fällen eine Zurückweisung erleben und durch die Bevorzugung des festgebundenen "Konkurrenten" gekränkt werden. Ebenfalls kränkend wird es häufig erlebt, wenn einer der Kurzzeitpartner in erster Linie an einer "Triebabfuhr" interessiert ist und der andere Partner Lust auf mehr Beziehung erlebt.
Solche Ungleichgewichte können ausgelotet werden, wenn sich die flirtenden Zeit nehmen, sich abzutasten. Diese Erkenntnisse lassen sich in der Regel nur schwer verbal erfragen. Es macht keinen Sinn, dem Flirtpartner mitzuteilen, man habe sich verliebt, wenn man erahnt, dass diese Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruht - auch nicht auf Anfrage. Solche Ehrlichkeit zu erwarten, würde kein mehr an Erotik schaffen, sondern könnte sogar Verletzend sein, bevor Nähe entstanden ist. Die Verhältnisse lassen sich aber durchaus erspüren aus den vielen kleinen Signalen.
Eine Methode, um mehr Klarheit über die Situation zu erlangen, sind innere Gedankenspiele und Gedankendialoge. Wir wissen in der Regel viel mehr, als wir denken und erfahren durch das gedankliche durchspielen viel über die Befindlichkeit des Flirtpartners, indem wir uns einfach vorstelen, wie er auf entsprechende Fragen antworten, denken oder fühlen würde.

Am Ende gibt es ein ganz einfaches Entscheidungskriterium dafür, ob es sich lohnt, sich auf eine Kurzzeitbeziehung einzlassen. Es sind die gefühlten Antworten auf Fragen, wie die folgenden:

"Wie wird es mir am darauffolgenden Tag ergehen. Werde ich mich über das Erlebte freuen? Wird das Erlebte auch in Jahren noch eine angenehme Erinnerung darstellen, oder eher als ein Fehltritt bewertet werden? Wird auch der Kurzzeitpartner von der Begegnung profitieren und später gerne daran zurückdenken?"
Wer sich ein wenig Zeit lässt, wer ein wenig Lebenserfahrung hat und wer sich diese Frage ehrlich stellt, wird oft eine erstaunlich realistische Antwort finden. Wenn das Gefühl sagt, am Ende könnte eine unangenehme Erinnerung bleiben, dann bedeutet "Treue", eben diese Kurzzeitbeziehung nicht in dieser Intenzität einzugehen (Das gilt bei einem derartigen Gefühl natürlich auch für die Anbahnung einer Langzeitbeziehung). Bei einem schlechten Gefühl lohnt sich sicherlich eine Distanzierung und der Verzicht auf größere Nähe. Wer ein kurzes Abenteuer sucht, sich aber über die Gefühle des anderen nicht sicher ist, kann in dem Moment der Annäherung dies auch durchaus ansprechen. Die Tatsache, dass der andere das Einverständnis erklärt entbindet nicht von der Verantwortung für den anderen. Wie gesagt werden es viele Menschen nicht eingestehen, wenn ihnen mehr an der Beziehung liegt.

Im Prinzip ermöglicht die langsame Annäherung ein gemeinsames Verständnis der (Kurzzeit-)Beziehung, eine Art unausgesprochenen Beziehungsvertrag. Jawohl, ein Beziehungsvertrag macht auch für eine Nacht durchaus Sinn. Wenn zwei Partner ein gemeinsames Verständnis ihrer Beziehung und ihrer Interessen haben, ob ausgesprochen oder still, in jedem Fall aber im Gefühl, dann ist die Chance groß, dass das Erlebnis in guter Erinnerung bleibt.
Vor dem Hintergrund der großen Bedeutung, die die intime Vereinigung für zwei Menschen hat, könnte sich möglicherweise vergleichbare Sorgfalt und Anspruch an die Auswahl eines Kurzzeit-Intim-Partners, wie bei einem Langzeitpartner auszahlen. Zugegeben wird man solche Kurzzeit-Intim-Partner nicht jeden Monat finden. Aber vielleicht ist dieses spezielle Modell der "Treue" in Kurzzeitbeziehungen eine Hilfe für erfüllte Erotik und gegen Enttäuschungen.

Treue in der Trennung

Klassischer Weise endet unser Anspruch an Treue mit dem Ende einer Beziehung. Es ist mir schleierhaft, warum wir rücksichtsloses Verhalten nach Beziehungsabbruch, den so genannten Rosenkrieg, nicht in gleicher Weise als Untreue bezeichnen.
Das Ende einer Beziehung ist maßgeblich für unsere Erinnerung daran. Eine rücksichtsvolle, einfühlsame und idealerweise auch einvernehmlich beendete Beziehung kann gerne in einen Lebenslauf aufgenommen werden, an den man gerne zurück denkt und aufgrund dessen man seinem nächsten Partner sagen kann, dass es sich lohnen werde, sich auf einen einzulassen. Ich denke, dass es sich lohnt, einem ehemaligen Partner "die Juwelen" auch zum Beziehungsende noch zu schenken oder wenigstens respektvoll aus der Beziehung zu gehen, denn die ungelösten Themen der letzten Beziehung sind der Ballast der kommenden. Dies gilt für eine Langzeitbeziehung ebenso, wie für eine Kurzzeitbeziehung.

Der "Seitensprung"

Stellen wir uns vor, eine Frau beginge einen Seitensprung und der Mann trennte sich sofort von seiner Frau, weil diese "Ehebruch" begangen hätte. Wer hätte nun eigentlich Ehebruch begangen?

Der Seitensprung, vielfach auch als "Ehebruch" bezeichnet, gilt als die Form von Untreue schlecht hin. Diesen Rang laufen ihm weder vollständiger sexueller Rückzug, demütigende Verächtlichkeit, permanente Unzufriedenheit bzw. Aggressivität und sogar Gewalt nicht ab. Dabei sind alle diese Formen von Untreue ebenfalls in der Lage, eine Beziehung nachhaltig zu zerstören. Alle letztgenannten Formen von Untreue sind destruktiv, für beide Partner unbefriedigend und ungerecht. Der Seitensprung hingegen könnte zumindest einem der Partner Spaß machen und potentiell Leben in die Beziehung bringen. Lässt sich Liebe nicht Teilen, wie so oft versprochen, und dadurch mehren?

Dass im klassischen Verständnis alleine der Vorgang eines Seitensprunges als "Ehebruch" gewertet wird, lässt sich leicht verstehen, wenn man sich vor Augen hält, dass früher Verhütung schwieriger war, als heute und dass die wirtschaftlichen Folgen eines unehelichen Kindes für die Beteiligten teilweise gravierender waren, als in unseren westlichen Sozialsystemen und Wertsystemen. Die Zeugung eines Kindes mit einem anderen Partner hat sicher ein hohes zerstörerisches bzw. verletzendes Potential für alle Beteiligten, einschließlich des Kindes. Wirklich sichere Verhütung ist auch heute noch nicht möglich und man sollte sich bei einem Seitensprung des Risikos bewusst sein. Wenn tatsächlich ein Kind gezeugt wurde, halte ich persönlich die Abtreibung nicht für diskutabel. Die Seelischen Folgen für alle beteiligten werden von der üblichen Diskussion um "Selbstbestimmung" kaum adäquat berücksichtigt. Lediglich einige systemische Psychologen, wie der umstrittene Bernd Hellinger beschreiben die Folgen etwas umfassender. Wenn für das möglicherweise entstehende Kind so wenig Raum wäre, dass es nicht bleiben dürfte, sollte das Risiko auch nicht eingegangen werden. Hier ist wieder die Wahl des Kurzzeitintimpartners von entscheidender Bedeutung. Sollte tatsächlich ein Kind entstehen, so sollten sich die Verantwortlichen ihrer Verantwortung stellen und das beste aus der Situation machen.

Auch wenn die Zeugung eines Kindes eher in der Minderzahl der Fälle eine Rolle spielt, bringt ein Seitensprung in jedem Fall eine gehörige Portion schwer zu kontrollierender, oft destruktiver Energie mit sich.

Besondere Bedeutung haben bei einem Seitensprung aber insbesondere die Handlungen darum herum: Wie erfährt der Ehepartner von dem Seitensprung? Wie respektvoll verhält sich das Seitensprungs-Paar gegenüber dem anderen Ehepartner? Wird die verletzende Wirkung des Seitensprungs zur Begleichung offener Rechnungen eingesetzt? Werden die Geschehnisse dem gemeinsamen Bekanntenkreis oder der Verwandtschaft kommuniziert und in welcher Form werden sie kommuniziert? Steht das Seitensprungspaar zu seinem Tun, oder leugnet es, obwohl es offensichtlich wurde?

Meistens ist ein Seitensprung bereits der Ausdruck von Unzufriedenheit in der Beziehung. Typischer Weise ist mit dieser Unzufriedenheit auch eine gewisse Wut verbunden und diese Wut wird nicht abgelegt, sobald die zweite Beziehung installiert wurde. Im Gegenteil wird die Wut aufrecht erhalten, um die zweite Beziehung zu rechtfertigen. Sobald die zweite Beziehung "auffliegt" bzw. dem ursprünglichen Partner bekannt wird, werden nicht selten die Gründe der Wut als Rechtfertigung angegeben, wodurch die verletzende Wirkung des Seitensprungs unnötig gesteigert wird. Eigenes schlechtes Gewissen ist somit häufig die Motivation für ungerechtes Verhalten gegenüber dem Partner.

Es gibt auch Fälle, in denen ein Seitensprung eine Beziehung positiv belebt. Dafür muss der Partner ein seltenes Maß an Verständnis, Toleranz, Vertrauen und auch Selbstbewusstsein mitbringen, welche nicht eingefordert werden können. Darüberhinaus ist ein durchgehend respektvoller Umgang mit diesem dringende Grundvoraussetzung dafür, dass ein Seitensprung nicht nur für den einen Partner ein Vergnügen bietet und für den anderen Partner unerträgliche Qual, Verletzung und Wut.

Eigenverantwortlichkeit könnte Bedeuten, zum eigenen Handeln zu stehen, sich nicht zu entschuldigen, sondern dem Partner die Wertschätzung ausdrücken, die man ihm entgegen bringt und jegliche Rechtfertigung zu unterlassen, insbesondere, wenn diese auf Versäumnissen des Partners beruht.

Eigenverantwortlichkeit könnte andererseits bedeuten, niemals grantig zu sein und die Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen. Ein eigenverantwortlicher Mensch sorgt sich selber darum dass er zufrieden ist. Wenn er sich in einer unbefriedigenden Situation befindet, hat ER entschieden, in dieser Situation zu bleiben, beispielsweise um auf eine Besserung zu warten oder um zu überlegen, wie er die Situation verbessern könnte. Wenn er seinen Partner ablehnt, geht er aus der Beziehung. Solange er auf seinen Partner baut, wertschätzt er ihn. Sollte Unzufriedenheit aus dem Gefühl resultieren, keine liebevolle Zuwendung zu erfahren, wird er Missmut zu meiden suchen, insbesondere längerfristigen Missmut, da er der größte Beziehungs-Feind ist. Bevor er langfristig missmutig ist, könnte er bereit sein, einen Seitensprung einzugehen. Aber bevor er einen Seitensprung einginge, würde er flirten und über den entspannten unbelasteten Kontakt wieder zu der erotischen Leichtigkeit finden, die eine Beziehung braucht. Wenn es ihm gelingt, an einem derartigen Flirt Freude zu finden, so würde er die Freude und die Leichtigkeit versuchen, in seine eigene Beziehung mitzunehmen und seinen Partner anzustecken. Ein sehr selbstbewusster und reifer Mensch benötigt vermutlich nicht einmal mehr den Flirt, um von selber wieder zur Leichtigkeit und Freude zu finden.

Ich will hier auf keinen Fall Menschen dazu anleiten, aus einer Beziehung heraus in ein weiteres Verhältnis zu stolpern, da dies in der Regel nicht unproblematisch ist. Mir geht es einerseits darum, zur Wachsamkeit anzuregen, dass man nicht in eine verbitterte Verfassung gelangt, die zerstörerischer, als alles andere ist. Und ich will Hilfen geben, in einem begonnenen Seitensprung (und diese sind nun einmal eine häufige Realität) genau die Fehler zu vermeiden, die aus einem Seitensprung fast zwangsläufig den Bruch einer Beziehung folgen lassen.

Ich will an dieser Stelle noch auf eine weitere "Falle" hinweisen, die bei Seitensprüngen bei weitem unterschätzt wird. "Fremdgänger" betrachten im Seitensprung das wichtigste Treue-Verletzungs-Problem in der Beziehung zum bisherigen Partner. Völlig unterschätzt wird im allgemeinen, dass bei einem Seitensprung ja eine weitere Beziehung eingegangen wird. Auch der Kurzzeitpartner ist verletzlich und geht die Intimbeziehung in der Regel tiefer ein, als er es sich vorher ausgemalt hätte. Wenn es im "glücklichen" Fall gelingt, einen Seitensprung mit einer glücklichen Fortsetzung der ursprünglichen Beziehung zu beenden, dann gilt es ja auch die zu beendende Kurzzeitbeziehung aufzuarbeiten und den Kurzzeitpartner verantwortungsvoll und respektvoll zu verabschieden, zumindest aus der intimen Beziehung. Das ist gar nicht so leicht, wenn diese Situation nicht bereits zu Beginn der Kurzzeitbeziehung vorbereitet wurde. Am leichtesten dürfte es fallen, wenn der Kurzzeitpartner seinerseits gebunden ist. Ich glaube, dass Eifersucht bzw. "Neid" in hohem Maße davon abhängen, wie aufrichtig und harmonisch eine andere Beziehung aufgesetzt ist. Wenn der ursprüngliche Partner das Gefühl vermittelt bekommt, dass der Kurzzeitpartner des Partners ihn als Langzeitpartner respektiert und wertschätzt, wenn der Langzeitpartner spürt, dass sein Partner seinem Kurzzeitpartner gegenüber Treu ist in dem Sinne, dass er die Kurzzeitbeziehung so aufgesetzt hat, dass ein behutsames Ende möglich ist, ohne dessen Vertrauen zu verlieren, dann wird auch er sich weniger bedroht fühlen und kann das Vorgehen seines Partners leichter akzeptieren. Ich sage "leichter"! Man kann in unserem Kulturkreis von keinem Partner die Akzeptanz eines Seitensprunges erwarten.
Ferner ist es für den "Seitenspringer" elementar wichtig in einer turbulenten Situation gegenüber seinem bisherigen Partner den Rücken in seiner Kurzzeitbeziehung frei zu haben, um die Probleme mit seinem Partner zu lösen. Auch deshalb ist eine gesunde Architektur der Kurzzeitbeziehung wichtig, die auch auf eine eventuell recht plötzliche Beendigung Rücksicht nimmt.

Fazit:
Darum prüfe, wer sich kurzzeitig bindet!
Auch eine Kurzzeitbeziehung will gut vorbereitet sein.
Auch ein Kurzzeitpartner ist auf Treue und Rücksicht angewiesen.

Ob sich Kurzzeitbeziehungen lohnen, kann ich aufgrund relativ geringer eigener Erfahrungsbasis nur dem Leser überlassen. Rücksicht lohnt hingegen in jedem Fall da sie mehr eigene Freiheit und Unabhängigkeit schafft.

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Letzte Änderung: 22.08.2010
Ulrich Sommer